Katholische Kirche debattiert über Krise der Ehe als Lebensform
09.10.202616:05
Vatikan/Kirche/Familie/Gesellschaft
Vorsitzende von Bischofskonferenzen aus allen Erdteilen noch bis Mitte kommender Woche in Rom versammelt - Australischer Erzbischof Costelloe: Kirche steht mit ihrer Sicht auf Ehe und Familie im Deutungs-Wettbewerb
Vatikanstadt, 09.10.2026 (KAP) Im Vatikan geht das große Bischofstreffen zum Thema Ehe und Familie weiter. Bis kommenden Mittwoch debattieren dort Vorsitzende von Bischofskonferenzen aus allen Erdteilen mit Experten und Betroffenen über aktuelle gesellschaftliche Trends und Herausforderungen für die Kirche.
Am Freitag sagte der im Vatikan für den Bereich Familie zuständige Kardinal Kevin Joseph Farrell: "Wir können die Tatsache nicht ignorieren, dass die Zahl der Eheschließungen derzeit weltweit rückläufig ist, und zwar sowohl die der zivilen wie auch der kirchlichen." Die Kirchenvertreter müssten dieses Phänomen deuten und dabei auch untersuchen, ob die Ursachen überall dieselben seien.
Wird die Ehe kategorisch abgelehnt?
Offen sei, ob es sich um ein Zögern handle oder um eine kategorische Zurückweisung eines Wegs, für den sich noch die Elterngeneration freudig entschieden habe. Zu den beeinflussenden Faktoren gehörten die hohe Zahl der Scheidungen, die neuen Möglichkeiten für das Zusammenleben von Paaren und der "Einfluss dominierender kultureller Trends".
Der australische Erzbischof Timothy Costelloe (Perth) erklärte, die Antwort auf diese Krise liege nicht in neuen Seelsorgeprogrammen. Die Kirche müsse vielmehr ihre Kultur verändern. Sie müsse den Einzelnen genau zuhören und sie respektvoll auf ihrem Weg der Reifung begleiten.
Sexualmoral wird nicht mehr verstanden
Costelloe betonte, in vielen Ländern werde die Idee eines notwendigen Zusammenhangs zwischen sexuellem Tun und Zeugung und ihre Bedeutung für die christliche Ehe nicht mehr verstanden und akzeptiert. Diesen Zusammenhang hatte die katholische Kirche seit der Papst-Enzyklika "Humanae vitae" von 1968 immer wieder gelehrt.
Stattdessen, so Costelloe, hätten viele junge Menschen kulturelle Annahmen übernommen, die von denen der Kirche abweichen. Heute würden menschliche Beziehungen oft als etwas dargestellt, was persönliche Erfüllung, Autonomie und unmittelbares Glück bringe und nicht Dauer, Opfer und Bindung.
Kirche im Deutungs-Wettbewerb
Die Kirche stehe mit ihrer Idee von Ehe und Familie in einem Wettbewerb mit vielen anderen Deutungsansätzen, erklärte der Australier. Sie solle die Ehe eher in positive als in negative Begriffen fassen: als ein Ideal, das den Einsatz wert ist und nicht so sehr als eine Liste von Regeln und Vorschriften. Junge Menschen, die unverheiratet zusammenlebten, erfüllten zwar nicht das Ideal einer christlichen Ehe. Es gebe dennoch Gutes in ihrer Beziehung, und deshalb müsse man sie auf ihrem Weg begleiten.
Weihbischof Stephen Fernandes aus dem indischen Bombay sagte in seinem Beitrag, nicht die Sehnsucht nach Liebe sei am Verschwinden, sondern die Zuversicht, dass Liebe etwas Bleibendes ist. Die Kirche solle deshalb junge Leute nicht fragen, warum sie nicht heiraten wollten. Vielmehr müsse sie fragen, was sie suchen, wenn sie von Liebe, Freiheit, Würde und Zukunft sprechen.
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