Experte Schlemmer über Beratung schwerkranker Menschen mit Sterbewünschen: Suizidprävention braucht Zuhören, menschliche Zuwendung und verlässliche Begleitung
Wien, 03.09.2026 (KAP) Gute palliativmedizinische Versorgung kann nach Einschätzung des Palliativmediziners Marcus Schlemmer dazu beitragen, Suizidwünsche schwerkranker Menschen zu vermindern. "Eine sehr große" Rolle spiele die Palliativmedizin bei der Suizidprävention, sagte der Chefarzt der Klinik für Palliativmedizin am Krankenhaus der Barmherzigen Brüder München in einem Interview des Instituts für medizinische Anthropologie und Bioethik (IMABE) zum Welttag der Suizidprävention (10. September). Entscheidend seien "menschliche Zuwendung", das Ernstnehmen von Nöten und Zuhören.
Schlemmer gründete 2015 die Sprechstunde "Weiterleben in Würde", in der er seither mehr als 600 Menschen beraten hat, die Sterbewünsche oder Suizidgedanken angesprochen hatten. "Das passiert nicht jeden Tag", sagte der Onkologe. Nur neun dieser Personen hätten sich danach für einen Suizid entschieden, wobei er möglicherweise nicht von allen Fällen erfahren habe, wie er einschränkend feststellte. Häufig gehe es bei dieser Beratung zunächst um Fragen zur weiteren Behandlung, etwa: "Soll ich eine weitere Therapie machen, soll ich diese Operation durchführen lassen?"
Suizidassistenz bietet Schlemmer in seiner Klinik nicht an, worüber Patienten klar informiert würden. Medikamente würden ausschließlich zur Linderung belastender Symptome eingesetzt, nicht zur gezielten Lebensverkürzung. Auch bei Opiaten sei die konkrete Anwendung entscheidend: Eine schnelle Verabreichung einer sehr hohen Dosis mit tödlicher Wirkung sei "eine Tötung", während eine entsprechende Behandlung über längere Zeit der Symptomlinderung dienen könne und möglicherweise dennoch die Lebenszeit verkürze.
Einsamkeit und Belastung
Bei geäußerten Suizidgedanken sei zunächst das Zuhören entscheidend. "Warum wollen Sie sich töten?", frage er sein Gegenüber mitunter, oder: "Wovor fürchten Sie sich?" Häufig äußerten Patienten konkrete Ängste vor einer Verschlechterung ihres Zustands, etwa vor Erblindung, Immobilität oder unerträglichen Schmerzen. "Aber Einsamkeit ist auch einer der Hauptbeweggründe", so Schlemmer. Wenn Betroffene sich gehört und ernst genommen fühlten, seien sie eher offen für Alternativen. Seine Sprechstunde könne dabei stationäre und ambulante Angebote vermitteln, dank des großen interprofessionellen Teams an seiner Klink.
Die Sorge, anderen zur Last zu fallen, sei neben Einsamkeit ein häufiger Grund für einen Sterbewunsch, sagte Schlemmer. Angehörige leisteten vielfach über Monate oder Jahre hinweg intensive Pflege. Es sei deshalb "realitätsfern", zu behaupten, diese Belastung existiere nicht. Gleichzeitig müsse die Gesellschaft vermitteln: "Wir empfinden euch nicht als Last, und wir möchten nicht, dass ihr als Konsequenz einen assistierten Suizid wählt." Auch gesellschaftspolitischer Druck müsse in der Debatte stärker berücksichtigt werden.
Auch die Folgen eines Suizids für Angehörige seien nach Schlemmers Einschätzung stärker zu beachten. Ein angekündigter und ärztlich begleiteter Suizid sei nicht automatisch weniger belastend als ein überraschender Suizid. In der Forschung gehe man davon aus, dass "zwischen acht und sechzehn Menschen von einem Suizid betroffen" seien und die Erfahrung die Hinterbliebenen "viele Jahre beschäftigt". Zwar habe er von einzelnen Angehörigen gehört, die einen begleiteten Suizid als würdig erlebt hätten. "Ich weiß aber, dass die allermeisten Angehörigen damit schwer umgehen können", sagte Schlemmer.
Betroffenen die Angst nehmen
Für seine Arbeit sei besonders wichtig, den Betroffenen die Angst vor dem Kommenden zu nehmen. "Kommen Sie mal, schauen Sie sich unsere Palliativstation an", so Schlemmers Einladung im Interview an die Adresse aller Interessierten. Ein Patient, der nach einem Suizidversuch stationär aufgenommen worden sei, habe später gesagt: "Hätte ich gewusst, wie liebevoll Menschen mich hier versorgen und was für ein tolles Team es hier gibt, hätte ich mich aus Sorge davor, was da kommt, nicht töten wollen." Zusammenfassend sei der Ansatz der Palliativmedizin ein einfaches Versprechen, so der Experte, nämlich: "Ich gehe nicht weg, ich helfe dir."