Experte: Ukrainische Identität und Sprache zutiefst verbunden
26.08.202613:59
Österreich/Ukraine/Politik/Geschichte/Sprache
Wiener Slawistik-Experte Moser bei Vortrag an KU Linz: Ukrainische Unabhängigkeit von breiten Teilen der ukrainischen Gesellschaft gewollt und aktiv mitgetragen - Marginalisierung des Ukrainischen gegenüber dem Russischen wesentlich für sowjetische Sprachpolitik
Linz, 26.08.2026 (KAP) Wie sehr die ukrainische Identität und die ukrainische Sprache zusammengehören, verdeutlichte der Wiener Slawist Prof. Michael Moser bei einem Vortrag an der Katholischen Privat-Universität (KU) Linz. Anlässlich des 35. Jahrestages der Unabhängigkeit der Ukraine (24. August) luden die Ukrainische Gemeinde in Linz, der Verein Point of Ukraine und die KU Linz am Dienstag zu einem Vortrag des Universitätsprofessor für Slawistik an der Universität Wien.
Moser sprach zum Thema "Die ukrainische Unabhängigkeit im Kontext der Geschichte, des andauernden russischen Angriffskrieges und der Sprachenfrage". Er spannte zunächst einen historischen Bogen vom Zarenreich über die kommunistische Sowjetunion bis zur Gegenwart der Ukraine. Dabei erinnerte er an die Enteignungen der 1920er-Jahre und insbesondere den "Holodomor" ("Hungermord") der frühen 1930er-Jahre in der Ukraine: Zwar habe es in anderen Teilen der UdSSR auch Hunger gegeben, aber die von den Sowjets systematisch herbeigeführte Hungersnot in der Ukraine mit mehreren Millionen Opfern müsse als gesellschafts- und kulturpolitisch motivierter Angriff auf die ukrainische Bevölkerung und Kultur beurteilt werden, so Moser.
Eine Fortsetzung fand dies in den folgenden Jahrzehnten durch eine "Politik der Russifizierung", die sich u.a. im gesteuerten Zuzug russischer Bevölkerung ausdrückte. Auf dieser Linie lagen auch die Versuche, Russisch als die einzige Hochsprache zu etablieren und andere Sprachen den Bereichen des Brauchtums und der bäuerlichen Kultur zuzuordnen. Bis in die Gegenwart hinein sei damit die Erfahrung geläufig gewesen, dass Ukrainisch-Sprechende als ungebildet abqualifiziert wurden, während Russisch für Bildung, Kultur und gesellschaftlichen Aufstieg stand. Diese Hierarchie sei ein wesentliches Merkmal der sowjetischen Sprachpolitik gewesen, hielt Prof. Moser fest.
Spätestens seit der Unabhängigkeit der Ukraine 1991, noch einmal verstärkt seit dem Beginn des russischen Angriffskrieges 2022, habe das Bewusstsein für den Eigenwert und die Selbstständigkeit der ukrainischen Sprache zugenommen, was sich auch in statistischen Erhebungen zur Sprachverwendung widerspiegeln würde.
Vor diesem Hintergrund wies Moser auch die bis heute in propagandistischer Absicht lancierte Erzählung zurück, die Unabhängigkeit der Ukraine sei von außen geschaffen oder der Bevölkerung aufgezwungen worden. Zu unterstreichen sei, dass sie von breiten Teilen der ukrainischen Gesellschaft gewollt und aktiv mitgetragen wurde.
Anhand der Entwicklung der gesetzlichen Bestimmungen zur Sprachenfrage von der Festlegung des Ukrainischen als Staatssprache der Ukrainischen Sowjetrepublik (1989) bis zum Gesetz zum Schutz und zur Förderung der ukrainischen Sprache (2019) zeigte Moser auf, wie gezielt noch in den 2010er-Jahren die politische Agenda betrieben wurde, das Ukrainische als Staatssprache auszuhebeln und auf seine Kosten das Russische zu stärken. Dass in der Diskussion bis heute - und gerade auch in Europa - Vokabel wie "russischsprachiger Osten der Ukraine" unreflektiert übernommen werden, zeuge dabei vom fehlenden Einblick in konkrete Realitäten, so Moser.
Moser erzählte, wie er dieses "Nicht-Wissen, ja auch eine Art von Ignoranz", als junger Student der Slawistik in den späten 1980er- und frühen 1990er-Jahren selbst erlebt habe: Ukrainisch sei in der wissenschaftlichen Philologie ganz im Schatten des Russischen gestanden und sei nicht selten als bloßer russischer Dialekt angesehen worden. - Eine Sichtweise, die entschieden zurückzuweisen sei, wie der Experte betonte.
Sprachgeschichtlich gebe es keinen "Stammbaum", in dem das Russische die "Ursprache" und das Ukrainische lediglich eine spätere, abhängige Variante sei. Vielmehr hätten sich die ostslawischen Sprachen parallel entwickelt. Zudem lasse sich nachweisen, dass Russisch unter der ansässigen Bevölkerung im Gebiet der heutigen Ukraine vor dem 17. Jahrhundert überhaupt nicht gesprochen wurde.
Einleitende Worte sprachen bei der Veranstaltung Pfarrer Andrii Kityk von der Ukrainischen Gemeinde in Linz) und Oksana Kuzo vom Verein Point of Ukraine. In der an Mosers Vortrag anschließenden Diskussion schilderten Mitglieder der ukrainischen Community in Oberösterreich ihre persönlichen Erfahrungen mit Mehrsprachigkeit und unterschiedlichen Sprachbiographien. Mosers Resümee: "Das Ukrainische gab es, gibt es und wird es immer geben!"