Dreitägiges theatrales Dokumentationsformat im Odeon Theater von 29. bis 31. Mai - Festivalintendant Rau zur neuen Papst-Enzyklika: "Großartig in dieser verrückten kapitalistischen Welt eine Instanz zu haben, die aufruft, ein würdiges, menschliches Leben zu führen"
Wien, 27.05.2026 (KAP) Es sind brennende und explosive Reizthemen, die die Wiener Festwochen am Wochenende vor ein dreitägiges "Glaubenstribunal" stellen. In dem von Festivalintendant Milo Rau inszenierten theatralen Dokumentationsformat diskutiert ab Freitag eine Jury aus Expertinnen und Experten im Rahmen von drei Fällen über künstlerische, institutionelle und politische Appropriation von Religion und den Missbrauch religiöser Praktiken, Symbole und Denksysteme. Nicht zuletzt gerät die "Republic of Gods" selbst in Kritik. Seit Tagen wächst in Wien der Unmut über die Einladung des US-amerikanischen Tech-Milliardärs und Weltuntergangspropheten Peter Thiel. "Auch einige Künstlerinnen und Künstler der Festwochen sind dagegen, ihm eine Plattform zu bieten", erklärte Rau im Kathpress-Interview.
Dem Glaubenstribunal vorausgehend steht darum die Abstimmung, ob die öffentliche Diskussion von Thiel und dem Friedensforscher und Theologen Wolfgang Palaver am 7. Juni um 20 Uhr stattfinden soll. Diese sollten zum Thema "Armageddon und Antichrist? Von der Theologie zur Realpolitik", moderiert von Rau, im Hotel InterContinental sprechen. Die Debatte darüber findet am Freitag, dem 29. Mai, um 16 Uhr im Odeon Theater statt. Auf Basis dieser offenen Debatte werden die Wiener Festwochen am Samstag, dem 30. Mai, eine Entscheidung treffen, ob die Veranstaltung wie geplant stattfinden kann. Den Fragen der Öffentlichkeit und der eingeladenen Presse stellen sich Rau, die leitende Dramaturgin Sara Abbasi und Palaver. Die Politikwissenschaftlerin Monika Mokre ist für den sogenannten "Rat der Republik" anwesend.
Die Jury
Beim "Glaubenstribunal", das im Anschluss eröffnet wird, widmet sich eine Jury im Odeon Theater im Rahmen von drei Fällen dem künstlerischen, institutionellen und politischen Missbrauch religiöser Praktiken, Symbole und Denksysteme. "Es ist eine hochkarätige Jury", erzählte Rau. Darunter Sheri Avraham, der die jüdische Seite vertritt, Hamed Abdel-Samad, frühes Mitglied der Muslimbruderschaft und nun "der wohl berühmteste Kritiker des Islams", der deutsche Dominikanermönch Frater Xaver und Christine Mayr-Lumetzberger, ehemalige Ordensfrau der Benediktinerinnen, die sich für das Frauenordinariat in der katholischen Kirche einsetzt. Nach ihrer "Weihe" zur Bischöfin, die die Kirche nicht anerkennt, wurde sie exkommuniziert.
Mit Wolfgang Kaleck habe man einen führenden Juristen für internationales Recht, Menschen- und Völkerrecht als Tribunalleiter gefunden. Seine Stellvertreterin Clara Mayerhofer wird über den Blasphemie-Artikel im Strafrecht sprechen. Teil der Veranstaltung ist auch die angesehene Politikwissenschaftlerin Monika Mokre von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.
Auch die Femen-Aktivistin Inna Shevchenko sowie der Karikaturist und Autor Laurent Sourisseau ("Riss") vom Satiremagazin Charlie Hebdo, ein Überlebender des Anschlags auf die Redaktion im Jahr 2015, treten unter Polizeischutz auf. Dabei gehe es um die Frage: "Wo endet die Kunst und wo beginnt die gerechtfertigte Sensibilität der Gläubigen?", erklärte Rau. Die Mohammed-Karikatur sei aus Sicht eines Christen oder eines ungläubigen Atheisten "soft" im Vergleich dazu, was das Satiremagazin sonst gemacht habe. "Trotzdem hat es zu einem der schlimmsten Massaker geführt, die wir in dem Kontext kennen."
Um die Aneignung von Kunst geht es auch in einem anderen Fall: Spirituelle Gegenstände, im Zentrum Nofretete, Mumien, sterbliche Überreste, die bei uns ausgestellt werden, aber in anderen Kulturen schmerzlich vermisst werden und dort als Verkehrs- oder Ritualgegenstände gelten. "Es ist doch so, als würden irgendwelche Leute aus Nordafrika oder Lateinamerika kommen und Sisi aus ihrer Gruft reißen und bei sich nackt in einem Museum ausstellen. Das fänden wir auch nicht okay", brachte Rau einen Vergleich.
KI und der Papst
Es geht auch um Femen, die Kreuze umhacken, den Gottesstaat Iran, den Konflikt zwischen US-Präsident Donald Trump und dem Papst und die Frage: "Darf die Politik oder darf Trump sich mit Jesus vergleichen und den Papst kritisieren?", erklärte Rau. Selbstverständlich wird der Tech-Bro Thiel ein Thema sein, die "Kritik an der Tech-Industrie, die ja plötzlich auch eine politische Theologie entwickelt", und die neu erschienene Enzyklika von Papst Leo XIV., "die das ganze Festwochen-Team extrem beeindruckt hat", so Rau.
Das Glaubenstribunal beschäftige sich mit genau jenen Fragen, die in "Magnifica humanitas" behandelt werden, fuhr Rau fort: "Was passiert mit uns, wenn Maschinen die Macht übernehmen? Was passiert mit uns, wenn wir nur noch Machtpolitik betreiben? Was passiert mit uns, wenn wir die christliche Botschaft und die Menschlichkeit und die Menschwerdung, die uns als Aufgabe von Jesus in Auftrag gegeben wurde, komplett aus den Augen verlieren?"
Es sei großartig, "dass wir in dieser verrückten kapitalistischen Welt eine Instanz haben, die so zu Milliarden spricht. Es gibt kaum etwas oder eigentlich nichts, das ich so unterschreiben würde wie diese Enzyklika." In einer Zeit, in der die Menschen von Thiel bis zur Letzten Generation von Apokalypse und Armageddon sprechen, sei es schön, "dass uns jemand erinnert, dass wir eigentlich aufgerufen sind, ein würdiges und menschliches Leben zu führen, und dass es nicht unausweichlich ist, dass AI die Welt übernimmt".