Pädagogische Leiterin der St. Nikolausstiftung, Haas: Kindergärten heute nicht reine Betreuungsstätte, sondern "zentraler Bildungsort" zur Begleitung von Lernprozessen
Wien, 27.05.2026 (KAP) Der Blick auf Kinder und ihre Entwicklung hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verändert: Das hat Susanna Haas, die pädagogische Leiterin der St. Nikolausstiftung, im Podcast-Interview mit dem "Kurier" (Mittwoch) dargelegt. Kinder hätten heute "andere Entwicklungsaufgaben als noch vor 20 oder 30 Jahren" und auch der Kindergarten verstehe sich heute weniger als Betreuungsstätte, sondern vielmehr als zentraler Bildungsort, an dem frühkindliche Lernprozesse bewusst begleitet werden. Heute sei zunehmend von einem "Bildungsgarten" die Rede; Kinder würden dort nicht nur betreut, sondern in ihrer gesamten Entwicklung gefördert.
Auch die mit dem Kindergarten verbundenen Berufe seien von diesem Wandel erfasst, so Haas. Die frühere Bezeichnung "Kindergartentante" sei heute nicht mehr zeitgemäß und werde als abwertend empfunden, da sie die professionelle Ausbildung und die pädagogische Verantwortung der Fachkräfte nicht widerspiegle. Heute handle es sich klar um qualifizierte Elementarpädagogik mit entsprechender Ausbildung.
Sprache, soziale Kompetenzen und Demokratiebildung
Die elementare Bildung in den Jahren vor Schuleintritt wirke sich in hohem Maße und langfristig auf Lernen, Sprache und soziale Kompetenzen aus, sagte Haas. "So viel wie in den ersten Lebensjahren passiert im Leben nie wieder." Eine zentrale Rolle nehme dabei der Spracherwerb ein. Kinder bräuchten ein "Sprachbad", also eine Umgebung, in der Sprache kontinuierlich erlebt und angewendet wird, "über die Kommunikation mit der Pädagogin oder mit anderen Kindern". Mehrsprachigkeit sollte dabei als Chance gesehen und im Alltag aktiv unterstützt werden.
Auch die Bedeutung des Kindergartens bei der frühen Vermittlung von sozialen Kompetenzen und demokratischem Verhalten hob Haas hervor. Kinder lernten hier, Entscheidungen zu treffen, Rücksicht zu nehmen und Mehrheiten zu akzeptieren. "Das ist Demokratiebildung", betonte sie. Solche Prozesse begännen bereits im frühen Alter und würden durch Alltagssituationen erlernt. Auch Selbstwirksamkeit, emotionale Kompetenz, Frustrationstoleranz und der Umgang mit Gleichaltrigen würden im Kindergarten geschult.
Digitale Medien kein Ersatz
Zugleich wies Haas auf soziale Unterschiede im Zugang zu Bildung hin. Kinder aus sogenannten bildungsfernen Haushalten hätten oft weniger Anregungen im Alltag, etwa durch Vorlesen oder gemeinsame Aktivitäten. Der Kindergarten müsse hier ausgleichen, da digitale Medien diese Erfahrungen nicht ersetzen könnten und Kleinkinder häufig überfordern würden. Das von der Politik propagierte verpflichtende zweite Kindergartenjahr halte sie besonders für Kinder aus bildungsfernen Schichten für "enorm wichtig".
Strukturelle Herausforderungen sah Haas insbesondere beim Betreuungsschlüssel. In Wien liege die Realität teilweise bei bis zu 25 Kindern pro Fachkraft, während deutlich kleinere Gruppen pädagogisch sinnvoller wären. Weiters kritisierte Haas auch die föderale Zersplitterung des Systems. Unterschiedliche Landesgesetze und Fördersysteme führten zu uneinheitlichen Bedingungen im ganzen Land, was aus ihrer Sicht pädagogisch schwer nachvollziehbar sei. "Ich persönlich verstehe nicht, warum es neun Gesetze gibt und neun verschiedene Fördersysteme", so Haas. Die Nikolausstiftung fordere daher mehr Einheitlichkeit und besser abgestimmte Rahmenbedingungen in der Elementarpädagogik.