Dogmatiker Hoff und Medienethiker Filipovic in Podcast "Diesseits von Eden" zur neuen Enzyklika von Papst Leo: Text lädt ein zu "apokalyptischer Wachsamkeit" und benennt offen die "Trümmerlandschaften, die wir in der digitalen Transformation schon hinterlassen haben"
Wien, 26.05.2026 (KAP) Warum zitiert Papst Leo XIV. in seiner Enzyklika "Magnifica humanitas" John Ronald Reuel (J.R.R.) Tolkien bzw. Gandalf aus dem "Herrn der Ringe"? Für den Innsbrucker Theologen und Medienphilosophen Prof. Johannes Hoff liegt die Antwort auf der Hand: Der Papst verfolge in seiner Enzyklika eine "Hobbit-Ethik", d.h. eine Ethik der kleinen Schritte, die jeder und jede im Ringen um eine Zivilisierung von KI mitgehen soll: "Der Papst nimmt sehr ernst, dass die Menschheit an einem zivilisationsgeschichtlichen Scheideweg steht - und da gibt es keine einfachen Problemlösungen, keine einzelnen Personen und Institutionen, die man verantwortlich machen könnte: Wir alle stecken da drin und müssen uns einsetzen", sagte Hoff in einer neuen Folge des Theologie-Podcasts "Diesseits von Eden".
Tatsächlich lasse die am Pfingstmontag im Vatikan präsentierte Enzyklika keinen Zweifel über die Dramatik der Lage: "Sie benennt ohne falsche Zurückhaltung die Trümmerlandschaften, die wir im Zuge der digitalen Transformation bereits hinterlassen haben - vom sozialen Leben über die Kultur hin zum militärischen Bereich." Und es sei klug, nicht für einfache Lösungen zu plädieren, sondern für eine "apokalyptische Wachsamkeit" und eine Sensibilität für die "Zeichen der Zeit", so der Theologe. Entsprechend sei auch der in der bisherigen Rezeption kaum beachtete theologische Rahmen des Lehrschreibens wichtig, da er erst das dramatische Gefälle zwischen der "glorreichen Menschheit", wie "Magnifica humanitas" laut Hoff korrekter zu übersetzen wäre, und der digital zugerichteten Welt mit ihren neuen Vermachtungs- und Versklavungsverhältnissen deutlich mache.
Filipovic: Verantwortung hätte klarer benannt werden können
Im Podcast würdigt auch der Wiener Medien- und Sozialethiker Prof. Alexander Filipovic das Lehrschreiben. Er habe es mit großem Genuss gelesen und sich speziell auch über die ausführliche und ausgewogene Darlegung der zentralen Aspekte der Katholischen Soziallehre gefreut, so Filipovic. Bei der Beurteilung des laut Hoff breiten Adressatenkreises zeigte sich Filipovic indes skeptisch: Er hätte erwartet, dass der Papst klarer die Verantwortung speziell der privaten Akteure und der Big-Tech-Unternehmen benenne. "Mir ist das Anliegen klar, aber ich hätte doch erwartet, dass die Unternehmen mit ihrer riesigen Macht und ihrer Gestaltungskraft stärker in die Pflicht genommen werden."
Dass Papst Leo die Katholische Soziallehre so unterstreicht und auch die Bedeutung des Zweiten Vatikanischen Konzils (1963-65) für ein zeitgemäßes Welt-Kirchen-Verhältnis hervorhebt, wertete Filipovic auch als einen innerkirchlichen Fingerzeig gegen die speziell in den USA, aber auch in Europa erstarkende Bewegung des Neo-Integralismus, für die die Sozialverkündigung keine Relevanz in Fragen des Glaubens besitzt. Gegen diese Bewegung setze Leo ein Zeichen, indem er sagt: "Wenn wir Evangelium sagen, dann geht es um soziale Gerechtigkeit und Politik."
Die Podcast-Folge "Menschheit am Scheidepunkt? - Was sagt Papst Leo XIV. in seiner neuen Enzyklika über KI?" ist in der Theologie-Podcast-Reihe "Diesseits von Eden" der Theologischen Fakultäten in Österreich und Südtirol erschienen und kann u.a. unter https://diesseits.theopodcast.at/enzyklika-magnifica-humanitas-papst-leo-ki abgerufen werden.
Einführungen an Universität und "Akademie am Dom"
Öffentliche Einführungen in die neue Enzyklika bietet Prof. Filipovic am Mittwoch, 27. Mai, und am Mittwoch, 17. Juni. Am 27. Mai lädt Filipovic gemeinsam mit der "Katholischen Sozial Akademie" (ksoe) zum öffentlichen Vortrag an die Universität Wien. Der Vortrag beginnt um 9.45 Uhr im Franz-König-Saal im Hauptgebäude der Universität. Ein Livestream wird angeboten. (Infos: https://ktf.univie.ac.at)
Am 17. Juni wird Filipovic in der Wiener "Akademie am Dom" im Rahmen der Reihe "Im Brennpunkt" eine Einführung in die Enzyklika geben. Der Vortrag "Papst Leo und KI" beginnt um 18 Uhr - auch hier ist eine Online-Teilnahme möglich. (Infos und Anmeldung: www.theologischekurse.at)
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