Linzer Pastoraltheologin Csiszar und Innsbrucker Dogmatiker Siebenrock skizzieren in "Herder Korrespondenz" Visionen für die Weiterentwicklung des Papstamtes unter Leo XIV.
Freiburg/Innsbruck/Linz, 30.04.2026 (KAP) Nach seinem ersten Jahr im Amt schält sich langsam ein Profil des neuen Papstes Leo XIV. heraus - ein Profil, das im Blick auf das kirchliche Großthema Synodalität den Weichenstellungen seines Vorgängers Franziskus folgt, das aber zugleich vor der Herausforderung kanonistischer Vertiefung steht, sprich: Es braucht "gute Gesetze", die der Kirche den Weg in die Zukunft bahnen. Für beides sei Leo der richtige Mann, kurz: "Leo XIV. denkt strategisch, strukturell und nachhaltig, kennt die Spannungen einer vielgestaltigen Kirche - und er kann Papst, nämlich auf gut katholisch." Das hat die Linzer Theologin Prof. Klara Csiszar in einem Beitrag für ein Sonderheft der "Herder Korrespondenz" zum ersten Jahr des Pontifikats von Papst Leo XIV. betont.
Synodalität: Ort der Entscheidung über Papstamt im 21. Jahrhundert
Mit dem Synodalen Prozess habe Leo von seinem Vorgänger "nicht einfach ein fertiges Projekt übernommen, sondern eine große Baustelle", führte die an der Katholischen Privat-Universität Linz (KU) lehrende Pastoraltheologin aus. Gerade angesichts der teils vorpreschenden Entscheide von Franziskus - etwa die Ernennung von Frauen und Laien für Leitungsfunktionen, neue Formate von Beratungsgremien etc. - befinde sich die Kirche immer noch in einer "Übergangsphase" und in einer "Zone des Provisorischen", aus der Leo sie herausführen und die Reformen in eine Form gießen müsse, "die nicht mit seiner Person steht oder fällt".
Daneben sei jedoch auch das Papstamt selbst bzw. die Art, wie der Primat ausgeübt wird, einem synodalen Wandel unterworfen, stellte Csiszar fest. "Synodalität, Kollegialität und Primat greifen ineinander" - und letztlich würde ein Papst, der nicht auf das Volk der Gläubigen hört, "ins Leere wirken". Csiszar: "Ein Papst, der sich als Nachfolger Petri versteht, wird sich künftig daran messen lassen müssen, wie sehr er den sensus fidei im Volk Gottes ernst nimmt, wie transparent und dialogisch er mit dem Bischofskollegium Entscheidungen vorbereitet und wie klar er zugleich in entscheidenden Fragen Verantwortung übernimmt und für Kontinuität sorgt." Das Thema Synodalität sei daher auch kein kirchliches Randthema, sondern "ein Ort der Entscheidung für die Gestalt des Papstamts im 21. Jahrhundert", so Csiszar.
Siebenrock: Newmann und Konzil als Inspirationsquellen
Grenzen und Chancen des Papstamts im 21. Jahrhundert zeichnete im selben Heft außerdem der emeritierte Innsbrucker Dogmatiker Prof. Roman Siebenrock nach. Die Geschichte des Papstamts kenne Gefahren wie etwa die Versuchung politischer Macht ebenso wie die Versuche, durch Überzeichnung des Papstamts "den mühsamen Weg der Wahrheitssuche in der Geschichte durch unmittelbaren Rekurs auf das göttliche Wissen abzukürzen". Der Kirchenlehrer John Henry Newman (1801-1890) habe diese Gefahren deutlich erkannt - wolle man daher nach Leitplanken für einen Petrusdienst im 21. Jahrhundert suchen, so könne man in Newmann einen "Schutzpatron und Inspirator" sehen; und auch Richtungsentscheide des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-65) böten wichtige Inspirationsquellen für ein zeitgemäßes Verständnis des Papstamts.
Während Newmann die Autorität des Papstes und der Kirche an die Verkündigung des Evangeliums und nicht an äußere, politische Macht gekoppelt hat, so habe das Konzil mit Betonung des universellen Heilswillens Gottes und der dialogischen Öffnung zu anderen Religionen bereits die Grundlagen für das heutige Verständnis von Synodalität gelegt, führte Siebenrock aus. Daraus ergebe sich als "Grundvision" für ein Papstamt der Zukunft die Aufgabe, den Wert der Religionsfreiheit und die Freiheit des Glaubens zu stärken und - gegen alle "neointegralistischen Fantasien" - aufzuzeigen, dass deren Missachtung "alles kirchliche Sein und Handeln kontaminieren würde". Weiters bedeute die synodale, dialogische Öffnung die Aufgabe, das "Charisma der Unfehlbarkeit" neu zu bestimmen und umstrittene Fragen "weise zu moderieren" anstatt von oben herab zu entscheiden.
"Kluge und substanzielle Entwicklung des kanonistischen Rechts"
Für beide Visionen brauche es solide kirchenrechtliche Entwicklungen. Siebenrock: "Ich erwarte vom Kanonisten in der Nachfolge Petri eine kluge und substanzielle Entwicklung des kanonischen Rechts, nicht nur in der Frage des Zölibats." Leo XIV. habe keinen Zweifel daran gelassen, an der "vorrangigen Bedeutung des Rechts" festhalten zu wollen. Wichtig sei, dass dieses Recht nicht willkürlich eingesetzt werde, sondern eine Chance bekommt, "zum Recht aller zu werden". Dies aber bedeute einen Dialog, der von Wertschätzung und Anerkennung des jeweils anderen durchdrungen sei, so Siebenrock abschließend.
Erschienen sind die Beiträge von Klara Csiszar und Roman Siebenrock im Sonderheft "Papa Leone: Leo XIV. und die Zukunft des Papstamts" der "Herder Korrespondenz". (Infos: https://www.herder.de/hk/hefte/spezial/papa-leone)
(Weitere Meldungen und Hintergründe zum ersten Jahrestag der Wahl von Papst Leo XIV. im Kathpress-Dossier unter www.kathpress.at/ein-jahr-papst-leo)